Wangen im Allgäu – Keine Buzzwords, sondern Werkzeuge: Unter diesem Anspruch hat der Wangener Wirtschaftskreis e.V. am Donnerstag, 8. Oktober 2026, zur StartDigital geladen – erstmals in den Argen-Pavillon auf dem Areal der Landesgartenschau. Rund 150 Unternehmerinnen, Unternehmer und Fachkräfte aus der Region Bodensee-Allgäu-Oberschwaben folgten der Einladung und erlebten einen Tag, der von 8.30 Uhr bis in den Abend hinein gefüllt war mit sechs Fachvorträgen, einem Live-Experiment und viel Gelegenheit zum Netzwerken.
Der Ort war Programm
Schon die Kulisse setzte ein Zeichen: Der vollverglaste, runde Argen-Pavillon, 2024 eröffnet und mehrfach für Design und Nachhaltigkeit ausgezeichnet, rückte den Blick nach draußen – und die Vorträge den Blick nach vorn. Beim Einlass ab 8.30 Uhr füllte sich der Raum schnell, Kaffee in der Hand, Visitenkarten im Umlauf. Wer vom Parkplatz Süd durch den Landesgartenschaupark kam, hatte bereits fünf Minuten Allgäu-Panorama hinter sich.
Reden wir über Sichtbarkeit: Was KI für Unternehmen verändert hat
Den Auftakt machte Marcus Eberlei, Host der StartDigital und Inhaber der edesign Werbeagentur aus Wangen. Sein Thema: Wie künstliche Intelligenz in wenigen Monaten neu sortiert hat, wie Menschen suchen, finden und kaufen. Wer früher auf Platz 1 bei Google stand, kämpft heute um den Platz in der KI-Antwort. Eberlei zeigte, wie AI Overviews, ChatGPT & Co. die Suche umbauen und was das für Budgets und Kontrolle bei Google Ads und Meta bedeutet. Dabei räumte er mit einem verbreiteten Irrtum auf: Google bestrafe keine KI-Texte, abgestraft werde Masse ohne Substanz. „Das reale Risiko für den Mittelstand ist nicht die Abstrafung, sondern die Unsichtbarkeit“, so Eberlei. Um 9.30 Uhr schloss Eberlei das wohl ungewöhnlichste Format des Tages an: Software bauen, ohne eine Zeile zu programmieren. Zum Start nannte ein Gast aus dem Publikum eine echte Anforderung aus seinem Arbeitsalltag. Über den Tag hinweg, in den Pausen zwischen den Vorträgen, entstand daraus mit KI Schritt für Schritt eine funktionierende Anwendung. Ein offenes Experiment mit ungewissem Ausgang, wie Eberlei zu Beginn betonte.
Alle reden über KI-Agenten – fast keiner lässt sie wirklich arbeiten
Im Anschluss übernahm Marie Christine Reiter, KI-Trainerin, Speakerin und Gründerin von „KI mit Marie“. Ihre These: Die meisten KI-Projekte scheitern nicht an der Technik, sondern daran, dass KI weiter nur als bessere Suchmaschine genutzt wird. Der Sprung vom „Schreib mir mal eine E-Mail“ zum digitalen Kollegen, der weiterarbeitet, wenn alle längst weg sind, sei kleiner als gedacht. An einem echten Beispiel zeigte Reiter, wie ein KI-Agent eigenständig Aufgaben übernimmt – und gab die ehrliche Antwort auf die Frage, die viele im Saal umtrieb: Was lohnt sich heute schon, und wo lässt man besser noch die Finger weg?
Cybercrime: Keine Frage von „ob“, sondern von „wann“
Um 11.15 Uhr wurde es ernst. Dr. Marc Maisch, Rechtsanwalt und Fachanwalt für IT-Recht, zeigte, wie Ransomware, Phishing und Identitätsdiebstahl tatsächlich ablaufen – und wie Unternehmen Angriffe früh erkennen, schnell stoppen und sich so aufstellen, dass es gar nicht erst teuer wird. Statt Theorie gab es klare Maßnahmen: Was präventiv zu tun ist, was im Ernstfall sofort zählt und wie Forensik und Strafverfolgung dabei helfen, Täter zu identifizieren und Schäden zu begrenzen. Sein Fazit: Pflichtprogramm für alle, die Verantwortung tragen.
Future Pilot: Wer KI nicht steuert, wird gesteuert
Den Nachmittag eröffnete der KI- und Digital-Keynote-Speaker Roger Basler de Roca. Mit „Future Pilot! Die Trends der Zukunft mit KI & Co. und was Sie für Ihr Unternehmen bedeuten“ lieferte er den Fahrplan für die kommenden Jahre. Seine Botschaft war unmissverständlich: „Wenn Sie KI 2026 nicht aktiv steuern, steuert KI irgendwann Ihre Konkurrenz.“ Basler de Roca zeigte, welche KI-Trends jetzt wirklich zählen, wie man aus der Tool-Flut die passenden Systeme wählt, Routinearbeiten sauber automatisiert und Mitarbeitende zu KI-Botschaftern macht – ohne das Team zu überfordern.
Marketing loves Sales
Florian Wassel, CEO und Gründer der Digitalagentur TOWA, nahm um 14.30 Uhr die neuen Kundenbedürfnisse im B2B unter die Lupe. B2B-Kunden seien heute online unterwegs, verglichen schneller und erwarteten klare Antworten. Wassel übersetzte die Prinzipien von Amazon & Co. in Maßnahmen, die Marketing und Vertrieb spürbar nach vorn bringen: Wo Zielkunden digital erreichbar sind, welche Touchpoints den Unterschied machen und wie starke digitale Erlebnisse Vertrauen aufbauen, bevor überhaupt gesprochen wird. Das Ergebnis: weniger Streuverlust, messbar mehr Neukunden.
KI in CRM, HRM und ERP – wo Prozesse heute schon automatisiert werden
Den letzten Vortragsslot übernahm Manuel Sauer von der SAMSA-IT GmbH und holte das Thema dorthin, wo es im Betrieb ankommt: Vertrieb, Personal, Buchhaltung. Anhand von CRM, HRM und ERP zeigte Sauer ganz konkret, welche Aufgaben die KI heute schon übernimmt, wo sich Prozesse automatisieren lassen und wie Unternehmen damit produktiver werden – ohne Buzzwords, mit Blick auf den echten Arbeitsalltag.
Die StartDigital 2026 hat gezeigt, dass der Mittelstand in der Region keinen Nachhilfeunterricht braucht, sondern Übersetzung: von Technologie in Entscheidungen. Mit dem Argen-Pavillon, einem Referentenmix aus überregionalen Keynote-Speakern und Praktikern aus der Region und einem Format, das Ausprobieren über Zuhören stellt, hat der Wangener Wirtschaftskreis dafür einen Rahmen gefunden, der Schule machen dürfte. Die StartDigital wurde 2022 vom Verein als Projekt im Rahmen der Digitalisierungsstrategie des Mittelstandes ins Leben gerufen; 2026 ist sie zugleich Teil des neuen Digitalen Kompetenzzentrums Bodensee-Allgäu, mit dem der Verein das Thema dauerhaft in der Region verankert. Unterstützt wurde die Veranstaltung unter anderem von cloud4you, webhostone und der edesign Werbeagentur.
Weitere Informationen: start-digital.info
